Textproben
Ameisen in
Jesuslatschen? - Von einer Baummeditation
Baummeditation
- hört sich schon etwas abstrus an. Stelle mir Ameisen in Jesuslatschen
vor und kann mir gut vorstellen, dass die Bäume uns für angeknackst
halten. Aber: Neue Erfahrungen erweitern den Horizont. Also auf zum
Treffpunkt. Eine Gruppe von gut 20 Leuten sind wir, Urlauber und Einheimische,
älter und jünger, nicht ein einziger anständiger Freak dabei. Aber
immerhin, Männer. Die Frauen fangen schon an mit dem Staunen.
Sabine Brügmann-Middeldorf
geht uns in den Wald voraus. Frühlingshelles Grün, Sonnenlichtspiele
in den Baumkronen, unwillkürlich tiefes Luftholen. Was auch immer
nun kommen mag, mit oder ohne Energieschwingungen - allein der Gedanke,
dass hier ein alltagsfreier Moment wartet, ganz für mich, entspannt
mich für das meditative Experiment. Guckt ja auch keiner zu, den ich
kenne.
Spiele. Paare
bilden. Sich einlassen auf einen zunächst fremden oder auf den vertrautesten
Menschen. Beides kein Selbstgänger. Ein junger Mann und eine junge
Frau bilden ein Team. Ein älteres Ehepaar. Zwei Damen. Los geht es:
Wahrnehmung schulen, Waldboden und Bäume mit Füßen und Händen ertasten.
Führen und sich geleiten lassen. Wir fanden schön, uns Zeit zu nehmen,
im Alltag sind wir oft ungeduldig, erzählen die Eheleute später. Der
junge Mann und die junge Frau erzählen mehr einander als uns, was
sie empfanden.
Und dann kommt
der Moment. Wir suchen uns einen Baum aus, von dem wir uns angezogen
fühlen. Kontakt aufnehmen, meditieren, wenn wir können. Oder einfach
entspannen und zur Ruhe kommen. Den Baum umarmen, uns anlehnen, stehen,
sitzen, ganz egal. Ich begrüße eine junge Buche, wie mir geheißen
wurde. Und umarme sie, unsicher, weil das das so gar nicht meinem
üblichen Umgang mit fremd und vertraut entspricht. Meine Arme werden
kalt, meine Hände erfrieren fast, mein ganzer Körper bis zu den Füßen
wird eisig - und ich lasse los. Es kann sein, dass ihr nicht den für
euch richtigen Baum habt, sagt Sabine Brügmann-Middeldorf. Kann sein,
dass nichts passiert. Hossa, hier ist eine Menge passiert. Nach gängiger
Interpretation hasst dieser Baum mich.
Also keine angestrengten
Meditationsversuche für mich heute. Das entlastet. Ich hocke mich
entspannt hin, lehne mich nur leicht gegen den Baum. Das scheint er
zu dulden. Ich denke an die menschlichen Vergehen an der Natur, entfalte
die Widersprüche dessen, was ich da gerade tue. Lehne den Kopf an
und schließe die Augen. Über die Gedanken breitet sich eine Decke
von Gleichmut und Geduld. Der Prioritätenkampf der Aufgaben, die Sorge
um geliebte Menschen, alles, was sonst im Dauerbetrieb läuft, hält
an einer sanften, diesmal angenehm kühlen Kraft inne und wird
ruhig. Als ich wieder zur Gruppe gehe, wird mir klar, dass ich von
etwas weiter her komme.
Die Ruhe kommt
mit mir. Die anderen berichten von Farben, von Wärme, von Last, die
von den Schultern fiel, von Wohlgefühl. Sich austauschen ist die Rundung
des Erlebten. Ein Bündnis für den Moment ist entstanden, mitten im
Wald, bevor jeder wieder seiner Wege geht. Gut, wenn die Teilnehmer
etwas für sich mitnehmen, sagt Sabine Brügmann-Middeldorf, eine Anregung,
sich immer wieder auf die Suche nach Dingen zu machen, die gut tun.
Am Ende tauschen
der junge Mann und die junge Frau Telefonnummern. Und ich? Gehe mit
meiner Ruhe und in dem Gefühl, schon weitaus unsinnigere Dinge getan
zu haben.
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