kathrin m. evers textarbeit - workshops

Textproben

 

Ameisen in Jesuslatschen? - Von einer Baummeditation

Baummeditation - hört sich schon etwas abstrus an. Stelle mir Ameisen in Jesuslatschen vor und kann mir gut vorstellen, dass die Bäume uns für angeknackst halten. Aber: Neue Erfahrungen erweitern den Horizont. Also auf zum Treffpunkt. Eine Gruppe von gut 20 Leuten sind wir, Urlauber und Einheimische, älter und jünger, nicht ein einziger anständiger Freak dabei. Aber immerhin, Männer. Die Frauen fangen schon an mit dem Staunen.

Sabine Brügmann-Middeldorf geht uns in den Wald voraus. Frühlingshelles Grün, Sonnenlichtspiele in den Baumkronen, unwillkürlich tiefes Luftholen. Was auch immer nun kommen mag, mit oder ohne Energieschwingungen - allein der Gedanke, dass hier ein alltagsfreier Moment wartet, ganz für mich, entspannt mich für das meditative Experiment. Guckt ja auch keiner zu, den ich kenne.

Spiele. Paare bilden. Sich einlassen auf einen zunächst fremden oder auf den vertrautesten Menschen. Beides kein Selbstgänger. Ein junger Mann und eine junge Frau bilden ein Team. Ein älteres Ehepaar. Zwei Damen. Los geht es: Wahrnehmung schulen, Waldboden und Bäume mit Füßen und Händen ertasten. Führen und sich geleiten lassen. Wir fanden schön, uns Zeit zu nehmen, im Alltag sind wir oft ungeduldig, erzählen die Eheleute später. Der junge Mann und die junge Frau erzählen mehr einander als uns, was sie empfanden.

Und dann kommt der Moment. Wir suchen uns einen Baum aus, von dem wir uns angezogen fühlen. Kontakt aufnehmen, meditieren, wenn wir können. Oder einfach entspannen und zur Ruhe kommen. Den Baum umarmen, uns anlehnen, stehen, sitzen, ganz egal. Ich begrüße eine junge Buche, wie mir geheißen wurde. Und umarme sie, unsicher, weil das das so gar nicht meinem üblichen Umgang mit fremd und vertraut entspricht. Meine Arme werden kalt, meine Hände erfrieren fast, mein ganzer Körper bis zu den Füßen wird eisig - und ich lasse los. Es kann sein, dass ihr nicht den für euch richtigen Baum habt, sagt Sabine Brügmann-Middeldorf. Kann sein, dass nichts passiert. Hossa, hier ist eine Menge passiert. Nach gängiger Interpretation hasst dieser Baum mich.

Also keine angestrengten Meditationsversuche für mich heute. Das entlastet. Ich hocke mich entspannt hin, lehne mich nur leicht gegen den Baum. Das scheint er zu dulden. Ich denke an die menschlichen Vergehen an der Natur, entfalte die Widersprüche dessen, was ich da gerade tue. Lehne den Kopf an und schließe die Augen. Über die Gedanken breitet sich eine Decke von Gleichmut und Geduld. Der Prioritätenkampf der Aufgaben, die Sorge um geliebte Menschen, alles, was sonst im Dauerbetrieb läuft, hält an einer sanften, diesmal angenehm kühlen Kraft inne und wird ruhig. Als ich wieder zur Gruppe gehe, wird mir klar, dass ich von etwas weiter her komme.

Die Ruhe kommt mit mir. Die anderen berichten von Farben, von Wärme, von Last, die von den Schultern fiel, von Wohlgefühl. Sich austauschen ist die Rundung des Erlebten. Ein Bündnis für den Moment ist entstanden, mitten im Wald, bevor jeder wieder seiner Wege geht. Gut, wenn die Teilnehmer etwas für sich mitnehmen, sagt Sabine Brügmann-Middeldorf, eine Anregung, sich immer wieder auf die Suche nach Dingen zu machen, die gut tun.

Am Ende tauschen der junge Mann und die junge Frau Telefonnummern. Und ich? Gehe mit meiner Ruhe und in dem Gefühl, schon weitaus unsinnigere Dinge getan zu haben.

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© K. M. Evers
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09. April 2008