kathrin m. evers textarbeit - workshops

Textproben

 

Lucy MacFarlane: Eine Glücksritterin auf der Bühne - und im Leben (2003)

In der Neuinszenierung von Verdis "Nabucco" in der Schlossgartenoper beeindruckt die Sopranistin Lucy MacFarlane als machtbesessene Abigail mit großer Stimme in schwerer Partie. Wer ahnt schon, auf welchen Umwegen die Diva im kühl glitzernden Miederpanzer zum Singen gelangte, dass sie eine moderne Glücksritterin ist, die sich genauso gut mitten auf die Bühne setzen und von ihrem abenteuerlichen Leben erzählen und damit auch ein ganzes Publikum anrühren könnte.

Es gibt diese Menschen, die ihr Herz in die Hand nehmen und sich aufmachen in die Welt, weil ihre Freude am Leben an einem Ort nicht satt werden kann. Die verzichten auf Sicherheiten und haben keinen Schimmer, wo es sie hinführt, ihre Wegzehrung ist Wagemut, und nur eines dürfen sie niemals: unterwegs verzagen. Schon das kleine Mädchen Lucy MacFarlane ist so. In dem kleinen, romantischen Hafendorf Rawene im Norden Neuseelands hält es den blonden Wildfang wie den seefahrenden Vater nicht daheim. Lucy stromert mit den Brüdern durch die Natur, gräbt mit den Maori-Kindern Löcher in den Boden, damit auf heißen Steinen ihr Lieblingsessen garen kann, Hari, in Blätter gewickeltes Fleisch und Gemüse. Die Schule ist ihr grauenhaft langweilig, und statt nach dem Abschluss anständig zu studieren, zieht sie mit Landarbeitern von Farm zu Farm, schuftet bei der Heuernte oder melkt 300 Kühe.

Als sie ihren Bruder in Auckland besucht, der in einem feinen französischen Restaurant Koch lernt, gefällt ihr das Hantieren mit Essen wieder so gut, dass sie dort auch lernen will, und das tut sie. Schwer arbeiten kann sie ja, und nicht nur das, sie spürt ihren Anspruch, wirklich gut zu sein. Also zieht sie als ausgebildete Köchin nach Japan, um Sushi-Künstlerin zu werden. Und eröffnet schließlich in Sydney mit einem Freund ein eigenes Restaurant. Hat Spaß, hat mächtig Erfolg, nur - wo ist die Operndiva? Ihr Anfang liegt in nichts weiter als einem weiteren spontanen Entschluss. Lucy MacFarlane ist nämlich schwanger und kann die Gerüche in der Küche nicht mehr ab. Ein sicheres Zeichen, dass es an der Zeit ist, etwas Neues zu machen. Und eine gute Freundin singt im Chor der Opera Australia.

"Sie werden nie ohne Mikro auskommen, Miss MacFarlane, aber Singen kann ja auch ein schönes Hobby sein." Viel niederschmetternder kann der Kommentar eines Gesangslehrers wohl nicht ausfallen. Da steht Miss MacFarlane also mit Kind mitten in Sydney da und hat die Musik für sich entdeckt, geht putzen, um den Unterricht bezahlen zu können, und nun das. Wer würde sich da nicht von einem Hirngespinst verabschieden. Aber, natürlich, wer ein echter Glücksritter ist, den haut auch in klapprigster Rüstung nichts so einfach um. Lucy MacFarlane schult ihre Stimme weiter, mit dieser enormen Energie, die sie bis ins Märchenhafte treibt, bis sie Gesangswettbewerbe gewinnt und die Opera bei ihr anruft und ihr die zweite Besetzung einer Solopartie anbietet.

Und so findet sie sich in der Garderobe des berühmten Wahrzeichens von Sydney wieder und soll sich bühnenreif schminken, steht dann da und singt ins Scheinwerferlicht und erlebt zum ersten Mal, wie sich Ankommen anfühlt. Aber selbst Ankommen ist meist nur eine Station zum Ausruhen. Der Sängerin ist die zweite Besetzung auf Dauer zu langweilig, und sie geht nach Italien, um mit gestrengem Lehrer weiter an sich zu arbeiten. Kommt dann nach Deutschland, nach Cottbus, in ein festes Engagement. Als sie dort die Tosca singt, mischt sie sich unwissentlich dramatisch in den Lebensweg eines Mannes im Publikum, der es mit entflammtem Herzen irgendwie in die Premierenfeier schafft und zu ihr geht. Heute ist Henry ihr Partner und wahrscheinlich größter Fan: "Diese Frau wurde definitiv geboren, um auf der Bühne zu stehen. Ihre Stimme und ihr Auftritt sind etwas ganz Besonderes."

Die beiden leben in Berlin. Inzwischen arbeitet Lucy MacFarlane freischaffend und sieht zu, dass sie die Partien bekommt, auf die sie richtig Lust hat. Die der Abigail ist so eine, die mit ihren waghalsigen Höhen und Tiefen extrem fordert, und vor allem mag die Sängerin das feine Zusammenwirken vieler Stimmen in Ensemblewerken wie "Nabucco". Im beschaulichen Eutin fühlt sie sich wohl: "Es ist toll hier, alle gehen so freundlich miteinander um, ganz entspannt, hoffentlich bin ich irgendwann noch einmal hier", schwärmt sie. So, wie sie jetzt lebt, mit dem inzwischen 16jährigen Sohn, mit Henry, mit Berlin, mit den Reisen zu den Auftritten, ist sie glücklich. "Es ist ja alles eine Suche nach Freude", sagt sie, ihr Leben überblickend, "und jetzt ist es zum ersten Mal so, dass ich nicht den Drang zum Weiterziehen spüre." Welch ein Glück, das Ankommen im Innern.

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© K. M. Evers
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09. April 2008