kathrin m. evers textarbeit - workshops

Textproben

 

"NachtSchattenGewächse" (2004)

 

Eutin. "Nachtschattengewächse" heißt eine Ausstellung, die am Sonntag in den Räumen des Eutiner Vereines Notruf für Frauen und Mädchen eröffnet wurde. Gezeigt werden Bilder und Texte einer Frau mit multipler Persönlichkeit. Werke von vielen Personen in einer Person, von Paula und Co, die gemeinsam überstanden, was eine allein nicht ertragen hätte. Portraits eines ungeheuren Willens zum Leben.

Offiziell heißt es DIS, Dissoziative Persönlichkeitsstörung, was Paula zu mehreren macht. Dabei liegt die Störung ganz woanders, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Sie hat sich entladen in dem, was Eltern und andere Verwandte mit dem Kind machten, das Paula und Co waren. Eine satanische Sekte folterte dieses und andere Kinder, physisch und psychisch, vergewaltigte sie, filmte Rituale und machte Geschäfte mit Kinderpornografie, verlieh die Kinder an zahlende Kunden.

Heute leben Paula und Co in Ostholstein. Sie haben einen langen Weg der Selbstrettung hinter sich, schließlich umgeben von einem Netzwerk aus Hilfe. Ein Teil davon ist die Begleitung durch die Mitarbeiterinnen des Frauennotrufs. In den Räumen des Vereines sind die Bilder, Gedichte und Schriften überall verteilt, sogar im Keller. Wer dort hinunter will, wird auf einem Hinweisblatt von Paula und Co auf intensive Darstellungen vorbereitet. Achtet auf eure Grenzen, steht da.

Wie intensiv das berührt: Dass sie so behutsam mit den Betrachtern sind, und dass man sich nicht schämen muss, weil man nur vom Erfahren und Betrachten schon in die Knie gehen mag. Paula und Co wollen nicht schockieren, sie wollen erzählen und aufklären. Das machen sie deutlich in ihrem Brief, den C. vom Frauennotruf den vielen Besuchern vorliest, während die Künstlerin diese Premiere, diese so spannende und sie selbst vielleicht auch an Grenzen führende Veranstaltung inkognito miterlebt. "Wenn ein Mensch Viele ist, dann ist das keine Krankheit. Keine Schwäche, kein Makel, kein Defizit. Dieser Mensch hat einen enormen Überlebenswillen, er hat Kluges getan, um sich und sein Selbst zu retten", heißt es in dem Brief. "Da von außen keine Hilfe kam, waren wir gezwungen, uns Hilfe im Inneren zu schaffen. Eine Person wäre vielleicht gestorben damals, aber indem wir viele geworden sind, hat jede Person unterschiedliches er- und getragen."

Paula und Co erklären, wie es sich anfühlt, mehrere zu sein, und helfen den Besuchern mit einem Beispiel: Wenn man mit dem Auto heimgefahren ist und einem bewusst wird, dass man dabei eigentlich ganz woanders war: So ungefähr fühle es sich an. In ihr gebe es schwer traumatisierte Kinder. Aber auch Jugendliche, die von allem gar nichts mitbekommen haben und entstanden sind, um nach außen normal zu wirken und zu leben. Und Erwachsene, die "aufpassen und sensibel wahrnehmen, wenn Gefahr droht". Jede dieser Personen hat ganz eigene Fähigkeiten und Eigenarten. Und so gibt es in der Ausstellung angstvolle Malereien von Kinderhand mit Erläuterungen in Krakelschrift. Und Bilder, die unbeschwert und idealisierend sind, als seien sie von jemandem aufs Blatt getanzt, dem nie Schlimmes geschehen ist. Dann Arbeiten, die das Unfassbare zeigen, auch im nicht Gegenständlichen brutal. Und schließlich: Werke, die aus dem Dunklen heraus ins Vielfarbige führen. Und wie geht es weiter? "Auch heute sind die Vielen noch notwendig", schreiben Paula und Co, "alle sind wichtig und sorgen dafür, dass unser Alltag funktioniert." Natürlich sei manches schwierig, dann, wenn eine Person nicht weiß, was die andere getan hat. Darum gebe es viel interne Kommunikation. Und ein Tagebuch, in das alle schreiben. Nächster großer Schritt: Sie haben Anzeige erstattet gegen die Täter von damals.

C. formuliert die Bitte: "Setzen Sie sich dafür ein, dass über die Gewalt, die Kindern angetan wird, gesprochen wird. Sprechen Sie mit Menschen, die etwas bewirken können. Unterstützen Sie multiple Menschen dabei, angemessene Hilfen zu bekommen."

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© K. M. Evers
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09. April 2008