Eutin.
"Nachtschattengewächse" heißt eine Ausstellung,
die am Sonntag in den Räumen des Eutiner Vereines Notruf für Frauen
und Mädchen eröffnet wurde. Gezeigt werden Bilder und Texte einer
Frau mit multipler Persönlichkeit. Werke von vielen Personen in
einer Person, von Paula und Co, die gemeinsam überstanden, was
eine allein nicht ertragen hätte. Portraits eines ungeheuren Willens
zum Leben.
Offiziell
heißt es DIS, Dissoziative Persönlichkeitsstörung, was Paula zu
mehreren macht. Dabei liegt die Störung ganz woanders, an einem
anderen Ort, in einer anderen Zeit. Sie hat sich entladen in dem,
was Eltern und andere Verwandte mit dem Kind machten, das Paula
und Co waren. Eine satanische Sekte folterte dieses und andere
Kinder, physisch und psychisch, vergewaltigte sie, filmte Rituale
und machte Geschäfte mit Kinderpornografie, verlieh die Kinder
an zahlende Kunden.
Heute leben
Paula und Co in Ostholstein. Sie haben einen langen Weg der Selbstrettung
hinter sich, schließlich umgeben von einem Netzwerk aus Hilfe.
Ein Teil davon ist die Begleitung durch die Mitarbeiterinnen des
Frauennotrufs. In den Räumen des Vereines sind die Bilder, Gedichte
und Schriften überall verteilt, sogar im Keller. Wer dort hinunter
will, wird auf einem Hinweisblatt von Paula und Co auf intensive
Darstellungen vorbereitet. Achtet auf eure Grenzen, steht da.
Wie intensiv
das berührt: Dass sie so behutsam mit den Betrachtern sind, und
dass man sich nicht schämen muss, weil man nur vom Erfahren und
Betrachten schon in die Knie gehen mag. Paula und Co wollen nicht
schockieren, sie wollen erzählen und aufklären. Das machen sie
deutlich in ihrem Brief, den C. vom Frauennotruf den vielen Besuchern
vorliest, während die Künstlerin diese Premiere, diese so spannende
und sie selbst vielleicht auch an Grenzen führende Veranstaltung
inkognito miterlebt. "Wenn ein Mensch Viele ist, dann ist das
keine Krankheit. Keine Schwäche, kein Makel, kein Defizit. Dieser
Mensch hat einen enormen Überlebenswillen, er hat Kluges getan,
um sich und sein Selbst zu retten", heißt es in dem Brief. "Da
von außen keine Hilfe kam, waren wir gezwungen, uns Hilfe im Inneren
zu schaffen. Eine Person wäre vielleicht gestorben damals, aber
indem wir viele geworden sind, hat jede Person unterschiedliches
er- und getragen."
Paula und
Co erklären, wie es sich anfühlt, mehrere zu sein, und helfen
den Besuchern mit einem Beispiel: Wenn man mit dem Auto heimgefahren
ist und einem bewusst wird, dass man dabei eigentlich ganz woanders
war: So ungefähr fühle es sich an. In ihr gebe es schwer traumatisierte
Kinder. Aber auch Jugendliche, die von allem gar nichts mitbekommen
haben und entstanden sind, um nach außen normal zu wirken und
zu leben. Und Erwachsene, die "aufpassen und sensibel wahrnehmen,
wenn Gefahr droht". Jede dieser Personen hat ganz eigene Fähigkeiten
und Eigenarten. Und so gibt es in der Ausstellung angstvolle Malereien
von Kinderhand mit Erläuterungen in Krakelschrift. Und Bilder,
die unbeschwert und idealisierend sind, als seien sie von jemandem
aufs Blatt getanzt, dem nie Schlimmes geschehen ist. Dann Arbeiten,
die das Unfassbare zeigen, auch im nicht Gegenständlichen brutal.
Und schließlich: Werke, die aus dem Dunklen heraus ins Vielfarbige
führen. Und wie geht es weiter? "Auch heute sind die Vielen noch
notwendig", schreiben Paula und Co, "alle sind wichtig und sorgen
dafür, dass unser Alltag funktioniert." Natürlich sei manches
schwierig, dann, wenn eine Person nicht weiß, was die andere getan
hat. Darum gebe es viel interne Kommunikation. Und ein Tagebuch,
in das alle schreiben. Nächster großer Schritt: Sie haben Anzeige
erstattet gegen die Täter von damals.
C. formuliert
die Bitte: "Setzen Sie sich dafür ein, dass über die Gewalt, die
Kindern angetan wird, gesprochen wird. Sprechen Sie mit Menschen,
die etwas bewirken können. Unterstützen Sie multiple Menschen
dabei, angemessene Hilfen zu bekommen."
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